Wichtige Informationen zur Anwendung von Dekubitus-Risiko-Skalen
Zur Verhütung eines Druckgeschwürs ist es zunächst wichtig,
das Dekubitusrisiko des Patienten zu ermitteln. Um dieses Risiko
festzustellen, sollte eine standardisierte Risikoerhebung mittels
einer anerkannten Skala vorgenommen werden. Zur Anwendung in der
Praxis bedarf es des aktuellen Wissens über die Entstehung von
Druckgeschwüren und die Auswirkung von Dekubitusrisikofaktoren.
Zudem müssen Pflegekräfte im praktischen Umgang mit Skalen geschult
und angeleitet werden. Eine rein auf Theorie gestützte Anwendung
reicht nicht aus. Wichtig ist, dass Pflegende über das Wissen
verfügen, welche Skala für ihr Patientenklientel geeignet ist,
denn leider gibt es nicht "die universell" einsetzbare Skala.
Welche Skala sollte benutzt werden ?
Um die Frage "Welche Skala sollen wir in unserer Einrichtung
benutzen?", herrscht bei vielen Pflegenden eine gewisse Verunsicherung.
In der Vergangenheit ist in Deutschland überwiegend die modifizierte
Norton-Skala (nach Bienstein) eingesetzt worden. Heute finden
andere Skalen, wie beispielsweise die Braden-Skala, Einzug in
die deutsche Pflege. Wie bereits erwähnt, gibt es aber keine Skala,
die für alle Settings passend ist.
Für den intensivpflegerischen Bereich empfiehlt sich der Einsatz
der Braden-Skala.
Die Reliabilität der Skala ist relativ hoch, da die einzeln zu
bewertenden Punkte recht ausführlich beschrieben werden. In diesem
Punkt ist die Norton-Skala vergleichsweise unpräzise.
Die Medley-Skala ist, wie auch die Braden-Skala, eine
Weiterentwicklung der Norton-Skala. Zu den Risikofaktoren der
Norton-Skala kommen durch die Medley-Skala die Faktoren "gefährdende
Krankheiten", "Ernährung" und "Schmerz" hinzu. Gerade die Erhebung
des Faktors Schmerz ist die Besonderheit dieser Skala.
Für den operativen Bereich in Akutkrankenhäusern eignet sich
die Waterlow-Skala. Diese Skala ist in der Handhabung etwas
aufwendiger und komplizierter als die oben genannten Skalen. In
Großbritannien wird diese Skala jedoch schon seit Jahren mit Erfolg
eingesetzt.
Zuletzt sei an dieser Stelle darauf hingewiesen, dass sich die
modifizierte Norton-Skala nach Bienstein nicht zur Risikoanalyse
geriatrischer Patienten eignet. Der MDS (Medizinischer Dienst
der Spitzenverbände) rät sogar von der Anwendung dieser Skala
ab.
Wer sollte die Risikoerhebung vornehmen ?
Die Dekubitusrisikoerhebung sollte grundsätzlich durch Pflegekräfte
vorgenommen werden. Hierzu zählen Krankenschwestern / -pfleger,
Kinderkrankenschwestern/-pfleger und Altenpfleger / -innen.
Wie oft sollte das Dekubitusrisiko erhoben werden ?
Das Dekubitusrisiko muss unmittelbar zu Beginn des Pflegeauftrages
erhoben werden. Eine Zweiterhebung nach 24 bis 48 Stunden kann
sinnvoll sein. Die Erhebungen müssen nach einem individuell festgelegten
Zeitabstand wiederholt werden. Diese Zeitabstände richten sich
nach dem allgemeinen Status des Patienten. Bei Intensivpatienten
kann beispielsweise eine tägliche Erhebung notwendig sein. Hingegen
können wöchentliche oder zweiwöchentliche Abstände bei geriatrischen
Patienten ausreichend sein.
Bei welchen Patienten sollte das Dekubitusrisiko erhoben werden
?
Bei vielen Patienten kann ein Dekubitusrisiko von vornherein
ausgeschlossen werden. Handelt es sich beispielsweise um einen
aktiven und mobilen Patienten (gilt nicht für Rollstuhlfahrer)
ist die Wahrscheinlichkeit des Auftretens eines Dekubitus mehr
als gering. Die Einschätzung des Dekubitusrisikos muss immer dann
erfolgen, wenn ein Risiko nicht sicher von vornherein ausgeschlossen
werden kann.
Dekubitus-Risiko-Monitoring
In den vergangenen Jahren sind einige Forschungsarbeiten zum
Thema Dekubitus veröffentlicht worden. Eine der herausragendsten
Arbeiten hat sich mit der Entwicklung eines Dekubitus-Risiko-Monitorings
befasst. Dieses computergestützte diagnostische System (Thevo-DeRM)
misst die Qualität und Quantität von Patientenbewegungen und ermittelt
aus diesen Werten, unter Hinzunahme der Braden-Skala, das aktuelle
und objektive Dekubitusrisiko eines Patienten.
Pflegewissenschaft-Info, September 2002, Hrsg. IGAP
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